Rede zum Neujahrsempfang 2016

Neujahrsempfang der Stadt Grafing
3. Januar 2016, 12 Uhr, Stadthalle Grafing

Neulich bin mal wieder in Grafing beim Einkaufen gewesen – an so einem belebten Samstag. Und da trifft man immer dieselben Leute – und wie so oft kommt dann die Frage „Und? Wie läuft‘s?“

Nachdem ich vorweihnachtsbedingt schon ein wenig angespannt war, kam als Antwort einfach: „Mei … jedes Schlagloch nervt mich, jeder überquellende Müllcontainer, der Kehrwagen für die Kreisstraßen fährt zu selten … mehr Wohnungen bräuchte es, dichte Wasserleitungen, Kanäle, friedliche Stadträte, Mitarbeiter ohne Überstunden … und überhaupt …

„Und überhaupt“ … meinte mein freundliches Gegenüber … „du solltest mehr die positiven Dinge sehen. Schau doch mal, was alles im letzten Jahr passiert ist.“
Da hat er Recht: Man soll sich die Welt nicht schlecht reden.

Wir haben

  • ein motiviertes und gut eingespieltes Team in Stadtverwaltung und Bauhof, Kläranlage, Grundschule …
  • Stadträte, die die Grafinger Bürger vertreten und diese Aufgabe ernst nehmen. Hier wird offen und meist dann doch sehr friedlich und kooperativ diskutiert – zum Wohle Grafings

Wir haben

  • ein neues Gebäude für Musikschule und VHS;
  • einen neuen Raum für Kultur: unsere renovierten Turmstuben – brummend vor lauter Kultur und Musik;
  • In Straußdorf ist endlich der Kanal + neue Straße fertig.
  • am letzten Tag vor Weihnachten kamen endlich noch die Förderzusagen für die noch fehlenden Kanäle in Grafing.
  • Die Planungen für die Grundschulerweiterung haben begonnen
  • Ein Waldkindergarten
  • Wir konnten Grund für die Erweiterung des Gewerbegebiets erwerben – die Planungen schreiten zügig voran
  • Wir haben einen verantwortungsvollen Grundsatzbeschluss zur Wohnungs- und Grundstückspolitik für die ortsansässige Bevölkerung
  • Der neue Bauhof wird dieses Jahr gebaut.

Also ganz schön was geschehen, worüber ich mich freue!
Aber jetzt langt’s auch schon mit der Aufzählung – es soll ja heute keine Bürgerversammlung werden.

Es gab natürlich ein herausragendes Thema im letzten Jahr: die große Anzahl von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan oder Eritrea. Politisch verfolgt, vertrieben, zerbombt, dem Bürgerkrieg entflohen oder einfach auf der Suche nach einem besseren Leben.

Wer hätte das gedacht, dass es anlässlich dieser sog. Flüchtlingskrise zu einer solchen Polarisierung der Gesellschaft kommen würde: Die einen meinen „das schaffen wir schon“, die anderen glauben nicht so an unsere Stärke und möchten lieber eine Begrenzung der Anzahl der einwandernden Flüchtlinge.

„Aber natürlich hätten wir das gedacht“, sagen Sie jetzt zu Recht, denn diese Meinungspole gab es ja schon immer. Diese Kluft zwischen dem unbedingten Bejahen des Grundrechts auf Asyl und diesem Wunsch nach Beschränkung.

Aber wo diese Kluft jetzt verläuft, ist schon sehr bemerkenswert: Da gesellen sich Grüne und Rote zu konservativen CDU-Merkel-Fans und übersetzen Merkels preußisches „Das schaffen wir schon“ in verständliches „Des pack’ma scho“. Und völlig neue Koalitionen zwischen einem bayerischen Finanzminister und einem grünen OB aus Tübingen sagen zusammen laut „Stopp“ und meinen, dass sie das eben nicht so packen.

Kann es sein, dass dieses große Thema Krieg, Flucht und Vertreibung ganz tief in unserem Innersten etwas anrührt? Kann es sein, dass Krieg, Flucht und Vertreibung tief eingebrannt sind in unser kollektives deutsches Gedächtnis? Angefangen vom 30jährigen Krieg, über Kriege und Weltkriege, Völkermord, ethnische Säuberungen, Flucht, Vertreibung und im Ergebnis Traumatisierung und Entwurzelt-Sein? Dass diese vielen Flüchtlinge etwas in uns anrühren, dass wir von der Generation unserer Großeltern kennen: einerseits Flucht und Vertreibung und andererseits Einquartierungen und Teilen müssen, obwohl man selbst nichts hat?

Ich habe in der Dezember-Ausgabe von GrafingAktuell über den in Misskredit geratenen Begriff des „Gutmenschen“ geschrieben. Meines Erachtens sind „Gutmenschen“ die, die ohne lang zu fragen, ohne lang Ursachen und Folgen abzuwägen und zu grübeln, anpacken – z.B. kümmern sie sich um Flüchtlinge.
Eine Leserin hat mir daraufhin ziemlich vehement vorgeworfen, die Sorgen und Nöte der einheimischen Bürgerinnen und Bürger nicht ernst genug zu nehmen.
So gesehen war mein Vorwort in GrafingAktuell wirklich nicht – wie üblich – ausgewogen, abwägend, politisch korrekt, sondern einfach nur von der Seele geschrieben.

Fakt ist tatsächlich, dass die große Anzahl an Flüchtlingen viele schon vorhandene Nöte der einheimischen Bevölkerung aufdeckt und verschärft: Zum Beispiel die eh‘ schon vorhandene Wohnungsnot. Deren Ursache ist eine jahrzehntelange Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus durch Staat und Kommunen.

Auch die Stadt Grafing hat erst in den letzten Jahren wieder günstige Wohnungen geschaffen, indem sie Grundstücke an Wohnungsbaugenossenschaften verkauft hat. Und hier entstanden schöne Wohnungen mit günstigen Mieten. Weiter werden wir den Wohnungsbestand sanieren, und Grund für günstige Genossenschaftswohnungen zur Verfügung stellen.

Es steht völlig außer Zweifel, dass der Zuzug so vieler Menschen uns noch einiges abverlangen wird. Das wird Zeit, Kraft und Geld kosten. Man muss aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Von gelungener Einwanderung aber hat ein Land noch immer profitiert.
Wer hätte gedacht, dass ich hier mal Angela Merkel zitiere. Respekt für eine Kanzlerin, die hier ihre Linie konsequent vertritt.

Grundvoraussetzung von Integration ist ein Gefühl des Angenommen-Seins. Hier in Grafing wurden noch 1962 Kinder mit Steinen beworfen, nur weil sie evangelisch waren. Integration heißt auch nicht völliges Aufgehen in der neuen Umgebung, sondern ein hier Zurechtkommen. Die Sprache verstehen, Geld verdienen, hier wohnen, in die Schule gehen, Freunde finden, die Kultur hier verstehen und akzeptieren.

Aber was ist unsere Kultur, was meinen wir damit, wie gehen wir damit um?
Ich mag das Wort „Leitkultur“ hier nicht. Mir ist das Wort „Kultur“ lieber. Einfach nur Kultur – das langt. Und ich bin mir sicher, wenn wir den Wortbestandteil „Leit-“ weglassen würden, würden alle Parteien plötzlich merken, dass wir uns in den Zielen, welche kulturellen Werte wir Neuankömmlingen vermitteln wollen, einig sind – oder zumindest „fast“.

Das Wort „Kultur“ – allein gebraucht – wertet auch nicht: Zum Beispiel gehörte zur Kultur meiner Urgroßmutter, einer streng-protestantischen Bäuerin, ein großes schwarzes Kopftuch. Sie wäre entrüstet gewesen, hätte ihr jemand gesagt, dass es kulturell nicht erwünscht oder gar ein Zeichen ihrer Unterdrückung sei.

Basis unserer Kultur ist das christlich-jüdische Weltbild – dieses Bild prägt uns seit 2000 Jahren. Auch die, die nicht gläubig sind, sind doch beeinflusst von der pazifistischen Grundhaltung des Neuen Testaments. (ja klar, ich weiß, Kreuzzüge und Hexenverbrennungen … aber gehen wir einfach mal von der reinen Lehre der Bergpredigt aus)
Basis unserer Kultur ist das römische Rechtsverständnis und der griechische Demokratie-Begriff.

Basis unserer Kultur ist die Aufklärung, diese Bewegung des 18. Jh.: naturwissenschaftliches Denken, Vernunft als Urteilsinstanz, Kampf gegen Vorurteile, Toleranz, persönliche Handlungsfreiheit, Bildung, Menschenrechte und das Gemeinwohl als Staatspflicht.
Darauf dürfen wir stolz sein. Und das sollen und dürfen und müssen wir auch selbstbewusst vertreten und Neuankömmlingen so vermitteln.

Und wir sollten insbesondere diese Kultur nicht vergessen oder kurz mal ablegen, denn leider wurden in Deutschland bisher wesentlich mehr Fensterscheiben an Asylbewerberheimen eingeworfen, als dass Asylbewerber irgendwelche anderen Fensterscheiben eingeworfen hätten – also keine Angst!

Und sind wir froh, wenn hier Menschen ankommen, die kulturelle Werte besitzen – auch wenn es nicht die unseren sind. Nichts ist schlimmer als Kulturlosigkeit. Denn nur wer eigene kulturelle Werte und Regeln kennt, kann andere und neue Kulturen kennen und akzeptieren lernen.
Interessant ist, dass derzeit alle möglichen Leute, von denen ich es nie erwartet hätte, die Gleichstellung der Frauen als unser höchstes kulturelles Gut hochhalten. Wir sollten in diesem Zusammenhang uns daran erinnern, dass die Gleichstellung der Frau in Mitteleuropa auch noch nicht so lange so selbstverständlich ist.
Ich erinnere mich an meine Familiengeschichte: Eine meiner Urgroßmütter wurde an einen viel älteren Mann zwangsverheiratet, erst meine Großmutter durfte wählen und meine Mutter musste noch ihren Ehemann fragen, ob sie arbeiten dürfe.

Unsere europäische Kultur, auf die wir mit Recht sehr stolz sind – diese Kultur mit den Eckpfeilern – Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit wurde eben nicht an einem Tag erfunden.
Wie jedes Jahr möchte ich hier einige Mitmenschen ehren, die sich um unsere Gemeinschaft verdient gemacht haben. Sie handeln z.T. jahrzehntelang nach dem Motto von Hans Scholl:

Nicht „Es muss etwas geschehen“,
sondern
„Ich muss etwas tun“.

Axel Neuser: 30 Jahre Vorstand des Vereinskartells, er hat das Vereinskartell auf professionelle Beine gestellt. Fortbestand des Bürgerfestes. Tatsächlich hat die Stadt 1984 Überlegungen angestellt, das Bürgerfest aus finanziellen Gründen zu streichen.

Ursel Hennik: Ehrenamtlich im Seniorenhaus tätig – wie lange? Schon immer!

Wilhelm Gardt: Seit 10 Jahren im Stiftungsrat des SeniorenHauses Grafing, seit 10 Jahren im Aufsichtsrat des Pflegesterns (Dachorganisation der Pflegeeinrichtungen), davon 1 Jahr Aufsichtsratsvorsitzender. Umsichtig, akribisch, absolut zuverlässig

Frau Schwalb: Vorsitzende der Seniorenkarte Grafing. Hilfe, damit Senioren so lange wie möglich zuhause leben können: Besuche, Fahrdienste, Ausflüge

Inge Lihl: Inge ist Vorsitzende des „Vereins zur Förderung der Grundschule Grafing“. ….. Zu Zeiten, in denen Ganztagesschule noch ein Fremdwort war, richtete sie eine Mittagsbetreuung in Kellerräumen in der Grundschule ein, wo die Kinder mittags essen konnten, oder sogar Essen bekamen, Hausaufgabe machen und spielen konnten.

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