Thema „Heimat“ – Empfang zur Leonhardifahrt 2015

Liebe Ehrenamtliche, die ihr von Sportverein über Trachtenverein und Feuerwehr, über Musikgruppen, über Stadträte und Asylhelfer, in Vereinen oder losen Gruppen, unser Grafinger Leben erst ausmacht und bestimmt,
liebe Gäste, meine Damen und Herren.

„I bin de Angelika – und do bin i dahoam.“

Gottfroh bin ich, dass ich das einfach so und mit Stolz sagen kann.

Dahoam: Wo ich sesshaft geworden bin, wo ich mit meinem Mann lebe, wo meine Kinder aufgewachsen sind und immer wieder gerne heimkommen, wo ich viele Freunde und Bekannte habe, wo ich Bürgermeisterin sein darf.

Mein Vater kommt aus Siebenbürgen, meine Mutter aus dem Sudetenland – meine Heimat ist hier in Grafing, und nur hier!

Ich finde das nett, wie der Bayerische Rundfunk dieses „dahoam“ immer wieder thematisiert – mit unterschiedlichsten Typen aus offensichtlich auch unterschiedlichster Herkunft.

Aber im Ernst, und jetzt wird’s richtig schwierig:
Was Heimat ist, wissen wir ja alle nicht – oder wissen wir alle besser – oder wissen wir zumindest besser als unser Nachbar, der es auch wiederum besser weiß. Jedenfalls könnten wir lange darüber diskutieren.

Unser heutiger Ehrengast, Erwin Huber, hat in einer emotionalen Debatte im Bayerischen Landtag einmal die Meinung geäußert „Heimat und Grüne, das ist ja wie Feuer und Wasser.“ In dieser Rede hat er ganz pauschal auch mir Traditionsbewußtsein und Heimatverbundenheit abgesprochen.
Das konnte ich dann doch nicht so ganz unwidersprochen stehen lassen und dachte mir „Dem zeigen wir’s, wir Grafinger“.
Ein gemeinsamer Freund, unser Landtagsabgeordneter Thomas Huber, hat sich dann aufgemacht, das Feuer und das Wasser zusammenzubringen. Und die beiden Hubers haben sich nicht lumpen lassen – mich freut, dass Erwin Huber zugesagt hat, mit uns, in unserer Heimat, die traditionelle Leonhardi-Wallfahrt zu feiern.

Ein weiterer geladener Ehrengast, der mir sehr liebe Grüne Landrat Wolfgang Rzehak aus Miesbach, kann vor lauter Traditionsbewußtsein und Heimatverbundenheit im eigenen Landkreis, wo es gleich mehrere Leonhardifahrten gibt, leider nicht auch noch zu uns kommen.

Heimat ist so Vieles:
Unsere Atteltaler veranstalten einen Heimatabend in der Stadthalle;
unsere Sudetendeutschen veranstalten ebenfalls einen Heimatabend in der Stadthalle;
und wer weiß, vielleicht veranstalten unsere neuen Mitbürger dunklerer Hautfarbe auch mal einen Heimatabend in unserer Stadthalle.
Da kommen ziemlich unterschiedliche Veranstaltungen raus – aber wollen wir einer dieser Gruppen absprechen, ganz ehrlich und aus tiefstem Herzen ein Verständnis von Heimat auf die Bühne bringen zu wollen?

Der eine wird unter Heimat die Gegend verstehen, in der er geboren ist und er und seine Vorväter schon seit Generationen, also quasi immer schon, leben.

Ein anderer freut sich, eine Heimat gefunden zu haben, wenn er nur ein paar Jahre oder gar nur Monate in der gleichen Gegend lebt.

Wieder andere sind längst in zweiter oder dritter Generation an einem Ort sesshaft, bezeichnen als „Heimat“ aber immer noch einen fernen, früheren Sehnsuchtsort. Und damit wird’s jetzt politisch, also gleich besonders schwierig.

Kann man das Wort „Heimat“ überhaupt in den Mund nehmen, ohne an die aus der selbigen Vertriebenen zu denken?

Oder an die aus der selbigen Geflüchteten?

Werden Eritreer, Somali, Syrer unser Grafing hier je als Heimat sehen? Sehen wollen?
Werden wir dem Eritreer, dem Somali, dem Syrer je zugestehen, das hier als Heimat zu bezeichnen?

Je mehr man sich mit dem Begriff Heimat beschäftigt, desto mehr Fragen entstehen, desto mehr verschwimmt er uns – obwohl wir alle hier ja dachten, wir wüssten genau, was Heimat ist.

Weder im Englischen noch im Französischen gibt es übrigens eine präzise Übersetzung für „Heimat“. Im Englischen heißt es einfach „Home“, im Französischen „Maison“ – was wiederum im Deutschen eher nur das Wohnhaus und damit auch den Aufenthaltsort meint.

Ist das mit der Heimat also wieder so eine deutsche Gefühlsduselei, so etwas wie „Gemütlichkeit“ (für das es ja auch keine Übersetzung gibt)?
Ist Heimat vielleicht nur ein Gefühl, eine idealisierende Vorstellung?
Das Gefühl, angekommen zu sein, nicht wegzuwollen, immer wieder zurück zu wollen, weil es schön und gut ist in dieser „Heimat“.

Oder ist Heimat ein Ort, den man besonders gut kennt, über den man Geschichten weiß und an dem man viele Andere gut kennt oder gar verwandt ist?

Ist Heimat gar ein Ort, ein Gebiet, für das man kämpft, tötet? Oder dann doch wo anders eine Heimat sucht?

Sie sehen, ich habe meine liebe Not, hier über Heimat zu reden und dabei präzise Aussagen zu treffen.
Eines weiß ich allerdings ganz genau, und zwar mehr aus dem Bauch als aus dem Verstand heraus:
Auch wenn ich hier nicht geboren bin, und obwohl ich „eine Grüne“ bin:
meine Heimat ist Grafing, hier gefällt’s mir, ich mag die Stadt und ihre Tradition und ich freue mich jeden Tag (fast jeden Tag), hier Bürgermeisterin zu sein.

Vielen Dank!

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