Rede zum Volkstrauertag 2016 – Sprache der Mitmenschlichkeit

Liebe Grafingerinnen, liebe Grafinger,

aus dem Feldpostbrief eines jungen Grafingers:

„Habe Euer wertes Packetchen erhalten, besten Dank. Es freut mich, da Ihr stehts an mich denkt, und mir immer etwas zukommen lasst. Hier ist man ja um jede Gabe froh. Die Zeit ist ja nun eine ernste, traurige. Die Zigarren sind wirklich fein und gut. Wir sind jetzt in der Umgebung von der Stadt Peron. Tag und Nacht in den Schützengräben. Die Franzosen sind 200 Meter vor uns eingegraben. Vorgegangen wird bei uns jetzt nicht, da im Norden zuerst vorgegangen werden muß. Wir haben es nun etwas schöner. Warm angezogen bin ich ja nun auch. Heuer werden wir uns kaum mehr sehen, noch ist keine Aussicht. Die Hauptsache ist, wenn wir wieder gesund nach Hause kommen. Mit Gruß aufs Wiedersehen Euer dankschuldiger
Paul Bartl“

Auf den Tag genau vor 102 Jahren schrieb der Grafinger Paul Bartl diesen Brief an eine befreundete Grafinger Familie.
Zwei Jahre später, am 2. September 1916, vor 100 Jahren, war er tot.

„Liebe Theres! Deine werthe Karte hab ich erhalten, besten dank dafür. Sende Dir heute eine Photographie, sie ist aber leider nicht gut ausgefallen. Bin gesund, sonst gibt’s nichts Neues. Gruß Josef Bartl“

Am 24. Mai 1916, also vor 100 und einem halben Jahr, sandte der Grafinger Josef Bartl diese Zeilen an seine Freundin Theres Zellner vom Bauern am Berg.
Zwei Jahre danach, am 9. Juni 1918, starb er im Lazarett.

Grafinger, die beiden, vermutlich verwandt.
So alt wie jetzt unserer Söhne, Brüder oder Freunde.
Wir wissen nicht, ob sie eine feindliche Granate zerrissen hat oder ob sie im Schützengraben verfault sind.

Aufgepeitscht von Politikern und Militärs, die dem Volk weiß gemacht haben, dass der „Franzos“ oder der „Russ“ Feinde waren, sind sie vielleicht sogar freudig erregt in den Krieg gezogen.

Sie waren welche von uns Grafingern und hatten wohl erst an der Front, im Schützengraben, erkannt, für welchen Unsinn sie da ihr Leben geben sollten.

Vor hundert Jahren, genau heute, jetzt, vor hundert Jahren, tobte die Schlacht von Verdun, und gleichzeitig, ein paar Kilometer weiter, die Schlacht an der Somme. Mehr gestorben wurde bis dahin nie. Hundertausende elendiglich Ermordete, keine Helden, sondern Opfer.

Der Alxing-Brucker Pfarrer Kaspar Wurfbaum hat Tagebuch geführt, während des Ersten Weltkrieges. Am 13. November 1916, also morgen vor 100 Jahren, notiert er: „Gottesdienst in Alxing; nachmittags in Grafing Konferenz. Von den Schlachtfeldern keine wesentliche Änderung.“

Bis zu diesem Zeitpunkt sind bei diesem Irrsinn schon 30 Grafinger getötet worden.

Gegen Ende des Jahres 1916 wurden erste Friedensbemühungen aufgenommen, die aber scheiterten.

Weitere 100 Grafinger sollten noch getötet werden.

Vorgestern, vor 75 Jahren, stirbt der Landarbeiter Georg Maier aus Eisendorf in einem Lazarett.
In Oberelkofen wird ihm zu Ehren eine „Heldengedenkfeier“ abgehalten.
Das politische Marketing hatte ihn zum Helden gestempelt.
Ob der sich als Held fühlte, mit seinen 20 Jahren?

Im November vor 75 Jahren ist es auch, dass die Grafingerin Martha Pilliet auf der Fahrt in den Massenmord aus Verzweiflung ihrem Leben ein Ende setzt.
Sie musste sterben, weil sie jüdischen Glaubens war, und weil diesem vermeintlichen Anders-Sein eine Gefahr angedichtet wurde.

Vor 74 Jahren, in diesen kalten Novembertagen, am 19. November, begann mit einer russischen Offensive die Einkesselung der deutschen Truppen in Stalingrad.

Bisher waren bei diesem Irrsinn schon wieder 15 Grafinger getötet worden;
weitere 145 sollten noch folgen.

Was war das doch für ein großer Irrsinn, das Ganze?
Ein großes, völlig sinnloses Töten und Sterben?

Wie war es dazu gekommen? Was führte zu diesem Schlachten?

  • Großtuerei! Wichtigtuerei! Worte!
  • Sprache!
  • Sprache von Politikern, die auf fruchtbaren Boden fiel, aufgenommen wurde, wucherte, bedacht oder unbedacht in den Mund genommen wurde, und vom Mund in die Köpfe wanderte.

Immer, wenn es zu den großen Gräueln der deutschen Geschichte gekommen ist, waren es erst der Kaiser und dann der Führer und Mitläufer, die uns erklärt und eingeredet haben, wer nur gerade der Böse sei, wer bekämpft und vernichtet werden müsse.

Woher wusste denn der Grafinger, der da drüben beim Grandauer am Stammtisch saß, am Vorabend, bevor er in den Krieg zog, gegen wen er sein Leben aufs Spiel setzen sollte.
Und vor allem – warum?

Alles nur Gerede? Nein.

Aus Worten wurden Taten!

Vor dem Beginn einer Auseinandersetzung steht immer die Sprache, die sprachliche Vereinfachung, die sprachliche Verrohung.

  • Schnell fallen Begriffe wie „Ratten“, „Gesindel“ oder „Pack“
  • schnell wird betont, wie aggressiv die Anderen sind, wie gesetzlos und andersgläubig sowieso,
  • schnell wird von „Flut“ gesprochen, von „Kampf“,
  • … und zu spät merken wir, was wir da eigentlich nachplappern, welchen Unsinn wir da eigentlich reden.

Und nein: Es sind nicht die Anderen – die da – die Trumps, Putins, Erdogans und Orbans, die sich zunehmend dieser Sprache bedienen, es sind wir, wir alle, die diese Sprache aufnehmen, weiterverbreiten, bagatellisieren. Die Sprache des Hasses ist unter uns.

Werte, die wir für Werte gehalten haben, sind plötzlich keine Werte mehr.

Wir erleben es, auch hier, dass Rückgrat und Anstand durch Populismus ersetzt werden.

Alles nur Gerede?

  • Früher gab es den Begriff „Unsagbar“ oder „Unsäglich“,
    doch vieles, was vor kurzer Zeit noch „unsäglich“ war, umgibt uns heute, – ist „sagbar“ geworden.
  • Früher gab es die Idee von „Höflichkeit, Respekt“ auch Gegnern und Fremden gegenüber;
  • Gestern noch gab es das Wort „Anstand“, in der Sprache, in unseren Äußerungen, in unserem Umgang miteinander, in unserem Umgang auch mit dem Unbekannten.
    Heute hört viel zu oft man „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!
    Ja, man darf, man soll sagen dürfen, dass es Probleme gibt – aber bitte sachlich, höflich, mit Respekt, mit Anstand.
  • Und manchmal muss man eben auch seinen Freunden sagen dürfen, Freunden, die unsägliches daherreden: „Okay, aber jetzt reicht’s

Wir wissen nicht, wohin uns diese Verrohung der Sprache führt, aber wir wissen, wohin sie immer wieder schon geführt hat, wohin sie führen kann.

Passen wir auf – auf unsere Sprache!

Wieder wird uns Angst gemacht, Angst vor der Zukunft, Angst vor Veränderung, Angst vor Anderen, vor Mitmenschen;

Angst davor, dass nichts mehr so bleibt, wie es ist.

Die Schuldigen werden auch gleich mit benannt – und die Retter auch.

Hatten wir das nicht schon mal?

Aber: Müssen wir wirklich Angst haben?

Sind wir, unser Rechtsstaat, unsere Kultur nicht stark genug, mit der Zukunft zurecht zu kommen? Wir sind stark!

Ich rufe Sie auf: Der Widerstand gegen die Brutalisierung des Alltags fängt beim Widerstand gegen die Brutalisierung der Sprache an.

Passen wir auf! Verwenden wir nicht die Sprache des Bösen, die Sprache der Ausgrenzung, die Sprache der Verrohung.

Bleiben wir bei der Sprache der Mitmenschlichkeit!

Rede zum Volkstrauertag 2017 – Kriegskinder

Grafing, 18. November 2017

Liebe Grafingerinnen und Grafinger,

Bei besonderen Ehrentagen, bei hohen runden Geburtstagen oder bei der Goldenen oder gar Diamantenen Hochzeit, besuche ich als Bürgermeisterin gerne die Jubilare und gratuliere.

Ich genieße diese Gespräche mit Menschen, die meine Eltern sein könnten. Die meisten Menschen sind glücklich, ein hohes Alter erreicht zu haben. Freuen sich an ihren Familien, an Freunden und Verwandten. Und auch wenn sie nicht mehr gesund sind, blicken die meisten doch dankbar zurück.

Neulich erzählt mir eine Jubilarin, dass ja alles so schön wäre, wenn diese Träume nicht wären.

Die Träume verfolgen sie – und sie träumt von ihrer Zeit als junges Mädchen im Krieg und nach dem Krieg.
Von der Vertreibung aus der Heimat zusammen mit ihrer Mutter.
Von der Sorge um Vater und Bruder.
Vom Ankommen im ihr vollkommen unbekannten Bayern.
Von der Wohnungseinweisung. Dem fremden Dialekt.
Von Hunger, Kälte, Sorge, Verlassenheit. Heimweh.

Es ginge ihr ja so gut, erzählte mir die 90-Jährige, wenn die Erinnerung sie nur nicht immer wieder einholen würden.

Wir wissen heute aus der Wissenschaft, dass die menschliche Erinnerung gnädig ist. Was schlimm ist, wird weg gepackt und vergessen. Das funktioniert lange. Aber nicht ewig und nicht mehr im hohen Alter.
Irgendwann kommen die Erinnerungen hoch.
Bevorzugt in der Nacht. Hindern am Schlafen, quälen.

Nach dem Krieg war ja auch keine Zeit zum Erinnern: die Menschen, die jetzt alt oder sehr alt sind, waren nach Kriegsende Kinder und Jugendliche.
Die Zeiten waren aufregend, eine Aufbruchsstimmung machte sich breit.

Das Land musste aufgebaut werden. Den meisten Menschen ging es wirtschaftlich immer besser. Neue Musik wurde gehört, es gab wieder Theater und Kino, Ehen wurden geschlossen, Häuser gebaut, und Kinder kamen auf die Welt.

Wo wäre Zeit und Muße geblieben, um sich zu erinnern?
Die Erinnerungen wären zu quälend gewesen, durchsetzt von Trauer oder gar Schuldgefühlen.

Machen wir uns doch bewusst, wie die Generation meiner Eltern, die Generation der in den 20er und 30er Jahren geborenen, erzogen wurde:
Sie wuchs im Umfeld des schrecklichen Unrechts des Nationalsozialismus heran.

Machen wir uns doch bewusst, was für einen Bruch die eigene Identität erleidet, wenn vieles, was man als Kind gelernt hat, plötzlich nichts mehr gilt.
Nichts mehr Wert ist. Das Weltbild und das Gefühl, was richtig ist, zusammenbricht.

Dann ist es doch schon aus reinem Selbstschutz besser, zu vergessen.

Bitte verstehen Sie mich richtig, mir geht es nicht um die alte Schuld-Diskussion, sondern darum, Verständnis zu wecken für die Traumatisierung dieser Generation der Kriegskinder.
Opfer des Krieges waren diese Kriegskinder.
Kinder, die eigentlich beschützt und von Liebe umhüllt aufwachsen sollten.

Ihr Leben lang haben diese Kriegskinder Sicherheit vermisst.
Kriegserfahrung, Flucht und Ungewissheit haben unauslöschlich Spuren in den kleinen Kinderseelen hinterlassen.
Geblieben sind Angst und Verunsicherung. Sprachlose Trauer.

Die Kinder dieser Kriegskinder wiederum blieben zwar vom Schrecken des Krieges verschont. Aber der Krieg hinterließ auch bei ihnen Wunden, die bei vielen ihr Leben lang nicht geheilt sind.

In vielen deutschen Familien spielten sich in den Fünfzigern bis hinein in die sechziger Jahre andere Kriege ab: heftige Generationenkonflikte.
Der Versuch, das mühsam aufgebaute Leben mit den Kriegserinnerungen in Einklang zu bringen, hatte seinen Preis.

Das Überleben und der Wiederaufbau erforderten die ganze Kraft.
Für eine Auseinandersetzung mit den vergangenen Erlebnissen und gleichzeitig mit der nachfolgenden Generation war keine Kraft mehr.

In vielen Familien waren die Kinder in den Nachkriegsjahren unsichtbar, weil die Eltern selber noch umgeben von Nebel lebten, und ihnen die traumatische Vergangenheit realer erschien als die Gegenwart.
Die Menschen wurden mit den Langzeitfolgen des Kriegstraumas nicht fertig.

Trauer ist ein langer, schmerzlicher Vorgang, – den jeder Betroffene auf andere Art und Weise erlebt, und versucht, damit zu Recht zu kommen.

Der zweite Weltkrieg liegt schon so lange zurück – seine Folgen sind aber bis in die zweite und dritte Generation noch zu spüren.

Schon deshalb sollten wir unseren Kindern mit Nachdruck den Frieden erklären. Damit sie anderen nie den Krieg erklären müssen.

Kinder trifft nicht die geringste Schuld, aber sie haben die größte Angst und werden am meisten geprägt, für ihr ganzes Leben.

Ich wünsche mir für alle Kinder dieser Welt, in einer Welt leben zu dürfen, in der Frieden natürlich ist.

Totengedenken

Wir denken heute
an die Opfer von Gewalt und Krieg,
vor allem an die Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken
der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,
der Menschen, die durch Krieg oder in Gefangenschaft,
als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden,
weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurden.

Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern
um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung,
um die Soldaten und andere Einsatzkräfte, die ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,
die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen,
die Leid tragen um die Toten und teilen ihren Schmerz.
Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Volkstrauertag Grafing/Oberelkofen 2017 – Angelika Obermayr

Rede zum Volkstrauertag 2018 – Revolution

Liebe Grafingerinnen, liebe Grafinger,
Zum fünften Mal schon darf ich hier am Volkstrauertag als Bürgermeisterin zu Euch sprechen. Diese Ansprache hier ist mir immer besonders wichtig.

Vor vier Jahren, im November 2014, begann ich meine Ansprache mit diesen Worten:

1914, Anfang August, begann der Erste Weltkrieg,

ein Krieg, den unsere Nachbarn auch den Großen Krieg nennen,
ein Kriegsanfang, den das Volk nicht wollte und der der maßlosen Überheblichkeit der Mächtigen geschuldet ist,
ein Krieg, der in Europa nahezu jede Staatsgrenze verschob und nahezu jede Staatsform änderte,

ein Krieg, der es letztendlich auch einem ungebildeten österreichischen Postkartenmaler erlaubte, mit einem willigen Deutschland einen Zweiten Weltkrieg vom Zaun zu brechen,
ein Kriegsanfang, der zum Ausgangspunkt für all den kriegerischen Unsinn, das Massentöten und die Verwerfungen der letzten hundert Jahre werden sollte,

ein Krieg, der auch hier in Grafing aus nahezu jedem Haus und jedem Hof seine Menschen forderte, um sie auf Schlachtfeldern sterben zu lassen.

Hier bei uns, in Dichau, Elkofen, Nettelkofen, Wiesham und Straußdorf, wie überall auf dem Land, war Erntezeit – und mitten in dieser Erntezeit sollten der Bauer und seine Söhne plötzlich eine Uniform anziehen und irgendwo weit weg fahren, um dort ihnen unbekannte Menschen zu erschießen. Die Begeisterung wird gering gewesen sein, die Sorge groß, die Angst überwältigend.

Heute vor 100 Jahren war dieser unsinnige Krieg wieder zu Ende und wir standen vor den Scherben dieser selbstherrlich-überheblichen Politik – wenn wir überhaupt noch standen.
Alles war kaputt, unsägliches Leid auf allen Seiten.

Nur der deutsche Kaiser, der bayerische König und ihre Generäle und Admirale wollten das nicht sehen und trieben den längst verlorenen Krieg immer weiter in weitere Verluste – bis sich die ausgebeuteten und ausgemergelten Soldaten den letzten Befehlen, die zum ihrem sicheren Tod geführt hätten, einfach verweigerten.

Die Soldaten wollten nicht mehr kämpfen, sie wollten in völlig auswegloser Situation nicht auch noch einen vollkommen unsinnigen Tod sterben. Einen Tod, der dann die sonderbare Bezeichnung „ehrenvoll“ getragen hätte, aber doch nur ein grausamer, leidvoller, unsinniger Tod gewesen wäre.

Sie waren Helden!

Sie waren Helden, gerade weil sie den letzten Befehl verweigert hatten.

Ja, es gibt ein Recht auf Widerstand!

Diese Helden haben durch friedliche Befehlsverweigerung den Krieg dann letztendlich beendet und Frieden geschaffen.
Nicht die bornierte Obrigkeit durch unsinnige Befehle.

Nur eine friedliche Revolution in München und vielen anderen deutschen Städten konnte diesen Krieg beenden – die Kriegstreiber wollten nicht.

Dennoch mussten sich diese Friedensbringer dann den Unsinn des „Dolchstoßes in den Rücken“ und Quatsch wie „Novemberverbrecher“ oder „Vaterlandsverräter“ anhören.
Unsinn wie „Im Felde unbesiegt“ machte die Runde.

Hätten sich nicht in diesen Novembertagen vor 100 Jahren die Matrosen in Kiel und die Soldaten in vielen Kasernen in ganz Deutschland allen weiteren kriegerischen Befehlen verweigert,
das völlig sinnlose und von Regierenden angeordnete Blutvergießen wäre weiter und weiter gegangen, noch viel mehr Männer, Frauen und Kinder wären gestorben und von unserem Deutschland wäre noch viel weniger übrig geblieben.

Deutschland brauchte eine friedliche Revolution, damit das Morden aufhörte.

Fast auf den Tag genau vor 100 Jahren wurde vom Ersten Bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner der letzte bayerische König gestürzt und Bayern als Freistaat ausgerufen.

Unser heutiger Freistaat Bayern geht auf den Sozialisten Kurt Eisner und das Ende des Ersten Weltkrieges zurück – wobei Freistaat nichts anderes als „Republik“ im Gegensatz zu „Monarchie“ bedeutet, also „frei“ und nicht einem König untertan.

Eisner hat mitten im Krieg den Frieden durchdacht, hat im autoritären und selbstbezogenen Kaiserreich den Traum von der Demokratie Wirklichkeit werden lassen.

Das Motto dieser Tage war „Jedes Menschenleben soll heilig sein“.

Bayern hat hier eine friedliche Revolution hingebracht und sinnloses Sterben beendet.
Darauf könnten wir ziemlich stolz sein.

Die friedliche Revolution und mit ihr die zwar besorgte, aber positive Aufbruchsstimmung in Bayern, die auch in Grafing spürbar wurde, hielt leider nur einige Monate.
Kurt Eisner, der erste bayerische Ministerpräsident, wurde von einem Rechtsradikalen, heute würde man ihn einfach Nazi nennen, erschossen und mit dem Mord an Kurt Eisner als charismatischem, starkem und durchaus beliebtem Mittelpunkt bahnten sich andere, radikalere Kräfte ihren Weg.

Ein linker Flügel versuchte sich an einer kommunistischen Räterepublik mit Aufstellung einer Roten Armee in München – deren Gegner wurden die Bürgerwehr, Freikorps- und Reichswehreinheiten, die Weißen, die sich, ein halbes Jahr nach Kriegsende, einen kurzen und heftigen Bürgerkrieg in Bayern lieferten.

Unser Stadtmuseum zeigt derzeit übrigens eine sehenswerte Ausstellung über Grafing in diesen Zeiten des Umbruchs. Gehen Sie mal hin!

Nach der Niederschlagung der kurzen kommunistischen Episode in München bewegte sich das Pendel leider etwas zu weit und zu nachhaltig in die andere Richtung: Nationalkonservative und völkische Gruppierungen erstarkten und mittelfristig wurde München zur unrühmlichen „Hauptstadt der Bewegung“.

Gebracht hat uns diese Revolution – neben dem Hauptziel der Beendigung des Sterbens im Ersten Weltkriegs – u. A. den Acht-Stunden-Tag, das Wahlrecht für Frauen und die Trennung von Staat und Kirche.

Kurt Eisner schaute den Mächtigen auf die Finger und gab denen, die darunter litten, eine Stimme und damit ebenfalls Macht und Kraft. Er leistete damit seinen Beitrag zum Ende des schrecklichen und sinnlosen Blutvergießens des Ersten Weltkrieges.

Im europäischen Ausland, Ungarn, Polen, Österreich, sind heute Bewegungen und Denkmuster alltäglich geworden, die jeder hier noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätte.

Schauen wir auf die heute Zeit: Es läuft ein schleichender Prozess: Die Sprache fängt schon an, sich zu verändern – und mit ihr das Denken.

Das Aufpeitschende, Spaltende, Diffamierende wird alltäglicher.

Das völkische Denken, bei dem Menschen nach irgendeiner biologischen Herkunft bemessen und in Klassen mit mehr oder weniger Bürger-Rechten eingeteilt werden, gewinnt an Raum.

Deshalb ist es gerade unsere Aufgabe: Frieden erhalten!

Denkmuster voll Hass und Ablehnung erkennen und laut eintreten dafür, dass eine Gesellschaft, in der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gelten, die bessere Alternative ist.

Lassen wir uns von der friedlichen Revolution mahnen,
damit nicht das Recht des Stärkeren gilt, sondern die Stärke des Rechts!

Rede zum Volkstrauertag 2019

Liebe Grafingerinnen und Grafinger,
liebe Interessierte an dieser Veranstaltung zum Volkstrauertag, an diesem Gedenken an alle Toten und Leidenden unter Krieg und Gewaltherrschaft.

Das Lichtermeer, das ihr hier vor euch seht, hat unsere Caritas aufgebaut.
Mit der bundesweiten Lichteraktion „Eine Million Sterne“ „für eine gerechtere Welt“ möchte Caritas international die Aufmerksamkeit in diesem Jahr nach Jordanien lenken.

Die Aktion der Caritas und unser Volkstrauertag fallen zufällig auf den gleichen Tag. Vielen Dank an den Vorstand des Soldaten- und Kriegerkameradschaft Grafing. Er hat es mit viel gutem Willen möglich gemacht, diese beiden Veranstaltungen – den Volkstrauertag in Grafing und „Eine Million Sterne“ der Caritas – zu verzahnen.

Jordanien gehört zu den Ländern, die die meisten Flüchtlinge aus den Krisen- und Kriegsgebieten Syriens und des Iraks aufgenommen haben. Mehr als 90 Prozent der geflüchteten Menschen leben in extremer Armut, darunter zehntausende Kinder. Viele von ihnen sind traumatisiert und benötigen Hilfe.
Die Caritas Jordanien steht syrischen und irakischen Flüchtlingsfamilien bei. Gleichzeitig unterstützt sie hilfsbedürftige jordanische Familien. Die Caritas Jordanien setzt sich für Menschen in extremer Armut ein, unabhängig von Religion und ethnischer Zugehörigkeit.
Acht Jahre nach Kriegsausbruch in Syrien haben Helfende und Betroffene die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht.
Bitte unterstützen Sie die Caritas, die die Gelder einsetzt, um die ärgste Not in Jordanien zu lindern.

Liebe Grafingerinnen und Grafinger,
gut 80 Jahre ist es jetzt her, ein langes Menschenleben. Eine Schar schäbiger Despoten hat mit leider viel zu vielen gedankenlosen oder indoktrinierten Mitläufern den Nachbarstaat Polen überfallen.
Jeder Sechste in der polnischen Bevölkerung wurde in diesem Krieg getötet. Und nur jeder Zehnte der großen jüdischen Gemeinschaft Polens überlebte die Schoah.
Ein Krieg wurde vom Zaun gebrochen, der Leid und Unheil über ganz Europa brachte, mit dem Deutschland sich die Welt lange Zeit zum Feind machte.
Jahre und Jahrzehnte hat es gebraucht, das Vertrauen der Weltgemeinschaft wieder zu erarbeiten.
In Grafing starben 200 junge Männer im 2. Weltkrieg. Da waren 10% aller männlichen Grafinger. Einfach weg. Freunde, Männer, Söhne, Brüder.

Gerade vor diesem Hintergrund und gerade an einem Gedenktag wie diesem heute frage ich mich: Was ist da schief gelaufen mit einigen jungen Menschen hier in Grafing an unserem Gymnasium. In einem Chat wurden verfassungsfeindliche Bilder und blutrünstige Texte unter gleichaltrigen Neuntklässlern verbreitet.
Da hilft es nichts mehr, sich an eine Ausrede zu klammern. Dass Jungen in diesem Alter manchmal einfach böse sein wollen und dabei sowieso nicht so genau wissen, was sie tun.

Nein! Wer in diesem Kontext nicht kapiert hat, was wirklich nicht mehr geht, der hat viel zu wenig kapiert, der hat nichts kapiert.

Gottseidank gab es aber auch hier unter den Schülern welche,
die diesem Zeug entgegengetreten sind, die sich an Eltern und Lehrer gewandt haben und die schließlich die Tat zur Anzeige gebracht haben.
Das ist Stärke! Das sind unsere Helden!

Und hier finden wir die Parallele zur geschichtlichen Dimension:
Fast auf den Tag genau 80 Jahre ist es nämlich auch her, dass Georg Elser im Alleingang zur Tat schritt. Er hatte sich schon ganz kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen mit größter Zähigkeit daran gemacht, Hitler durch eine Bombe im Bürgerbräukeller auszulöschen.

Elser war ein Mann aus dem Volk, ein Handwerker, allein und ein Einzelkämpfer, der aber damals schon große Weitsicht besaß.
Gerade Georg Elser ist ein Beispiel dafür, dass die Unterwerfung unter die Nazi-Diktatur nicht alternativlos war.

Er scheiterte nur durch einen dummen Zufall.
Welche Ruhmestat ihm da beinahe gelungen wäre!

Gut 75 Jahre ist es her, dass in gleicher Zielrichtung, Graf Stauffenberg nach 5 Jahren Krieg dem Schrecken ein Ende setzen wollte.
Ein Krieg, in dem deutsche Soldaten unsägliches Leid über ihre Nachbarvölker gebracht hatten. Ein Krieg in dem deutsche Soldaten und Zivilisten unsägliches Leid erlebt haben.
Stauffenberg war nicht mehr so alleine wie Elser. Stauffenberg war gut vernetzt. Stauffenberg hatte ehemaligen Adel und Teile der Wehrmacht hinter sich. Auch er scheiterte durch einen dummen Zufall und konnte Hitler nicht töten.

Da stellt sich die Frage, ob diese Attentäter das überhaupt moralisch und rechtlich rechtfertigen konnten; ob sie das „durften“.
Aber natürlich!

Unsere starke Bundesrepublik hat dieses Recht zum ultimativen Widerstand gegen die Zerstörung ihres Staates von Innen sogar im Grundgesetz verankert:
Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ (Artikel 20, Absatz 4)

Das ist ein Aufruf an jeden Einzelnen und jede Einzelne von uns:
Wir dürfen nicht zusehen und die Schultern zucken und stillschweigend tolerieren,
wie Nazi-Parolen durch Chats laufen,
wie Juden es nicht mehr wagen, ihre Kippa zu tragen,
wie muslimischen Frauen wegen Ihres Kopftuches diskriminiert werden,
wie anders aussehende Mitbürger ausgegrenzt werden.
wie Jugendliche von Nazis bedroht werden.

Liebe Grafingerinnen und Grafinger – stellt euch nicht daneben, sondern dagegen.
In einem mutigen und starken Grafing, in einem Grafing des Widerstands.